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Was wäre, wenn ...? Eine Provokation - Teil 1

Neulich fiel mir auf, dass schon wieder eine Debatte, die mit ganz anderen echten und drängenden Problemen in der heutigen Schule begann, am Ende zum Streit über "Wann dürfen eigentliche welche Schüler/innen (also welcher Altersstufe) an welchem Ort das Smartphone benutzen?" Noch einmal wurde zur heroischen Durchsetzung der geltenden Schulordnung aufgerufen, die in der Konsequenz zur Wegnahme des Smartphones führt. Hier im Text wird die Grundlage dafür gelegt, um anschließend zu argumentieren, dass dies ein unhaltbarer Zustand ist, der beendet werden muss.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

 

  

 

1.  "Die 4. Revolution"

 

Zuletzt las ich "Die 4. Revolution" von Luciano Floridi. Ein hervorragendes Buch, das zeigt, welche Kraft die philosophische Durchdringung eines Gegenstandes entfalten kann. Der Gegenstand dieses Buches ist die beobachtete Digitalisierung der fortschrittlichen Industriegesellschaften, die sich zu Informationsgesellschaften weiterentwickelt und zu hypergeschichtlichen gewandelt haben. Warum soll es nun die „4. Revolution“ sein? Für die vierte Revolution steht laut Floridi der Name Alan Turing und die mit ihm verbundene Maschine. Folgt man dieser Zählweise, dann mussten also drei Revolutionen dieser vorausgegangen sein. Floridi stellt dafür die Namen Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin und Sigmund Freud in den Schaukasten.

 

Die genannten drei großen Wissenschaftler haben laut Floridi dem Menschen eine Art Demütigung oder Kränkung beigebracht. Und die gingen so: Mit Kopernikus war die Erde und damit der Mensch nicht mehr Mittelpunkt der Schöpfung / des Alls; mit Darwin war der Mensch nicht mehr Gottes "höchstes" Geschöpf. "Aufgrund der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse verloren wir unseren Platz im Zentrum des biologischen Reichs" (Floridi, S. 122) und  mit Freud war der Mensch nicht mehr "Herr im eigenen Haus": Vielmehr zerfiel der Mensch in unterschiedliche widersprüchliche Anlangen, wie ES, ICH und Über-Ich. Floridi fasst zusammen: "So oder so jedoch erkennen wir heute an, dass wir uns nicht unverrückbar im Mittelpunkt des Universums befinden (kopernikanische Revolution), dass wir keine naturenthobenen eigenständige und vom übrigen Tierreich geschiedene Spezies sind (darwinsche Revolution) und dass unser Geist ganz gewiss kein cartesianischer, sich selbst völlig durchsichtiger Geist ist (freudianische Revolution)" (Floridi, S. 124). Die 4. Revolution im 20. Jahrhundert wurde schon im 16. Jahrhundert vorbereitet. In genialer Weise zeigt Floridi den Weg von Pascals Machine d'arithmétique, oder die Pascalina, über Hobbes (!)* und Leibniz* schließlich zu Turing*.

 

Und welche „Demütigung“ mutete uns Turing und seine Maschine zu? "Turing vertrieb uns aus unserer privilegierten und einzigartigen Position im Bereich des logischen Denkens, der Informationsverarbeitung und des smarten Agierens". Und dann notiert Floridi, an die berühmte, oben zitierte freudianische Konsequenz anschließend: "Wir sind nicht mehr die Herren der Infosphäre" (Floridi, S. 127). 

 

(*an anderer Stelle dazu mehr). 

 

Die erste Seite von Alan Turings Revolutionswerk.

 

 

2. Kritik und Erweiterung

 

Vor dem Hintergrund der genialen Analyse Floridis wird hier die erweiterte These vertreten, dass wir uns in der Logik dieser "Revolutions-Analyse" nunmehr in der 6. Revolution befinden. Wie komme ich dazu?

 

These A. Floridi "vergaß" eine weitere Revolution, die sich ebenfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abspielte: Es war nämlich Karl Marx, der den Menschen aufzeigte, dass sich die kapitalistische Produktionsweise nurmehr vermeintlich an den Bedürfnissen der Menschen orientierte, tatsächlich hatte sich die Produktion längst von den Bedürfnissen der Menschen emanzipiert, die Warenproduktion folgte dem "Interesse" des sich selbst verwertenden Wertes. Die Tauschwerte der Waren und nicht mehr deren Gebrauchswerte waren in den Mittelpunkt der Produktion gerückt. Mit der Industriegesellschaft war zugleich die Voraussetzung für eine explosionsartige Erweiterung der Infosphäre geschaffen. In etwa 2300 Jahren hat sich die Welt vom menschlichen Nachrichten-Boten, über Postkutschen und Signaltelegraphen bis schließlich zur elektronischen Signalübermittlung, also bis zur weltumspannenden und satellitengestützten Infosphäre revolutioniert.

 

These B. Die sechste Revolution, die sich auf Basis der nunmehr 5. Revolution von Turing entwickelte, streift Floridi abwehrend auf S. 130. Floridi will nicht über These des "erweiterten Geist" oder über die aus dem Geist ausgelagerte Informationen verhandeln. Sein Argument funktioniert so: Unsere wahrnehmbare Welt besteht aus Informationen (Infosphäre = Wirklichkeit) und wir Menschen sind Teil dieser Infosphäre, sind selbst Informationsorganismen (Inforgs) (geworden). Also gelte die cartesianische Spaltung in das souveräne Ich und das Übrige schon nicht mehr (siehe Freud und Turing). Eine Debatte über den "erweiterten Geist" hält er daher für überholt.

Meine, hier testweise vertretene Gegenthese lautet, dass dieser, von Floridi benannte Zustand, von uns erst heute in der Gegenwart als Prozess beobachtet werden kann, der durch die elektronische Revolution der Datenverarbeitung, u.a. zu einem künstlichen und ständigen Begleiter geführt hat: dem Smartphone. Diese Revolution hat einen populären, stofflich-basierten Anfang und wird häufig mit der Präsentation des iPhones 2007 durch Steve Jobs angesetzt. (Vergleiche dazu z. B. diesen Beitrag im Blog, in dem ich von dem "Universalwerkzeug Smartphone" berichte). Diese bestimmte Datum ist aber irrelevant; es reicht völlig aus, diese Entwicklung einfach in die erste Dekade des 21. Jahrhunderts zu legen.

Was wäre wenn, wird nunmehr testweise gefragt, wenn diese 6. Revolution, die möglicherweise stofflich auf dem ubiquitären vernetzen Computer basiert (Smartphone), theoretisch jedoch auf den Thesen von Andy Clark und David Chalmers vom erweiterten Geist aufsetzt? Erinnern wir uns: Turings-Maschine (der einzelne, nicht-vernezte Computer) war und ist die stoffliche Basis für die Thesen Turings "Können Computer denken?" 

 

Während ich These A nun nicht weiter verfolge, soll die These B genauer erläutert werden (zur These A habe ich verschiedene Beiträge im Blog hinterlegt, z.B. in "Ego-Maschinen"). Auch zur These B findet sich eine sachanalytische Erschließung von Clark und Chalmers These im Blog. An dem Ergebnis, dass es sich bei der seit 1998 vorliegenden These um eine Theorie "gekoppelter kognitiver Systeme" handelt, schließt die Erläuterung hier an.     

 

Hier nun eine Übersicht zu den nunmehr sechs Revolutionen und mit welchen Schriften und Namen sie verknüpft sind:

 

 

 


 

Nr. Revolution "Demütigung" oder "Zumutung" Schrift (Jahr) Person / Name
1. Die Sonne im Mittelpunkt des Universums. Die Erde und mit ihr der Mensch sind nicht mehr Mittelpunkt des Universums. De Revolutionisbus Orbium Coelestium, Über die Kreisbewegungen der Weltkörper (1543)  Kopernikus
2. Die Evolution der Arten. Der Mensch ist nicht mehr die Krönung der Schöpfung. On the Origin of Species by Means of natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (1859) Darwin
3. Der Tauschwert im Mittelpunkt des Kapitalprozesses Der Mensch ist nicht erster und zentraler Bezugspunkt der Produktion. Das Kapital (Der Produktionsprocess des Kapitals, Bd. 1 (1867)  Marx
4.

Der Mensch als ES, ICH und ÜBER-ICH

Der Mensch ist nicht mehr "Herr im eigenen Haus". Verschiedene Veröffentlichungen ab 1893/95  Freud
5.

Die programmierbare Universalmaschine

Die Menschen sind nicht mehr Herren der Infosphäre. Verschiedene Arbeiten ab 1937 und Computing Machinery an Intelligence, in: MIND, Band LIX, Nr. 236, (1950)  Turing
6. Die erweiterte Kognition Der menschliche Geist endet nicht an der Schädeldecke. Andy Clark und David Chalmers: The Extended Mind, in: Analysis, Vol. 58, Nr. 1/98 (1998)  Clark & Chalmers

Ausschnitt von der ersten Seite: Stable URL: http://www.jstor.org/stable/3328150 .


 

3. Über kognitiv gekoppelte Systeme

 

Ein Gedankenexperiment, das uns herausfordert, ein "Smartphone im Kopf" zu denken, so wie es z.B. von Yves Bossart in "Ohne Heute gibt es morgen kein Gestern" formuliert wurde, hat den Gedanken des Extended Mind, des erweiterten Geistes popularisiert. (Es ist hier auf meinem Padlet hinterlegt, 4. Spalte). Das Gedankenexperiment nimmt den Leser / die Leserin "an die Hand" und versucht, diese(n) zu überraschen, indem es feststellt, dass man wohl "Universalgenie" wäre, wenn das Smartphone "im Kopf" verankert sei. Von dieser Position aus lässt sich sodann fragen, "ob man das nicht schon heute ist?" (ein UNIVERSALGENIE*), in einem Heute, in dem das Smartphone nur "in der Hand" liegt. Nein, kann man - auch mit Clark und Chalmers - antworten, ist man nicht, das wäre ein Fehlschluss. Es kommt nämlich darauf an (als Voraussetzung, das etwas zu meiner erweiterten Kognition gehört), dass die Daten bereits einmal von mir verarbeitet wurden. Ich bin kein Universalgenie, weil ich nicht, auch nicht als Informationsorganismus (Floridi) alle relevanten Daten / Informationen verarbeiten kann. Dieser Fehlschluss ist also eine didaktische Hürde, will man vom populären Gedankenexperiment zur Theorie der erweiterten Kognition voranschreiten (auch das bildet das Padlet ganz gut ab). Also, wie verhält es sich nun genau mit den kognitiv gekoppelten Systemen? Was wäre, wenn dieser These weiter nachgegangen werden kann?

 

Ein Mensch, nennen wir ihn mit Floridi Inforg "io", gelte dann als Teil eines kognitiv gekoppelten Systems "kks" (mit all seinen schriftlichen, auditiven - oder in welcher Form auch immer - vorliegenden Notizen), wenn er auf zumindest einmal verarbeitete Daten zurückgreift, die mit einer spezifischen Intention verarbeitet wurden, zumeist mit der Intention, "sich-wieder-an-etwas-erinnern-können". In einer hypergeschichtlichen Gesellschaft, deren Durchdringung mit IKT weit fortgeschritten ist, muss diese "Verarbeitung" jedoch nicht notwendig dem Technologie-User als "aktive Verarbeitung" erscheinen, so wie z.B. mir Notizen, die ich selbst angefertigt habe, als besonders verarbeitete, persönliche Daten vorkommen. Vielmehr würde dann bereits eine einfache Google-Anfrage auf dem Smartphone zum Teil meiner "erweiterten Kognition" gehören. Denn mit der Google-Suche verhält es sich tatsächlich so: Wird das Ergebnis lediglich zur Kenntnis genommen und dann wieder verworfen, wird es (zunächst) nicht Teil der "erweiterten Kognition". (Warum das Ergebnis später doch noch als Teil meiner erweiterten Kognition gelten kann, folgt drei Sätze später). Anders verhält es sich mit Anteilen der Recherche, wenn Sie weiterverarbeitet wurden (bei Google werden zumeist die ersten fünf Treffer berücksichtigt), z. B. dann, wenn daraus ein Tweet entstand. Der Tweet wird mit einer bestimmten Intention absetzt (er wird von heute ausgesehen auf einen unbestimmt langen, vermutlich jedoch sehr langen Zeitraum hin recherchierbar und damit erinnerungsfähig bleiben), das kognitiv gekoppelte System (kks) ist nun um den Inhalt der Information erweitert worden, es kann nunmehr in einer gegebenen Situation "S" auf die dort hinterlegten Informationen zugreifen. Es kommt hinzu, dass bei der Verwendung der am meisten genutzten Suchmaschine, Google, die letzte Suchanfrage gespeichert wurde (Andere Suchmaschine wie etwa Startpage werben damit, dass sie dies nicht können, bzw. speichern wollen). Ruft man sie erneut auf, reicht ein Klick in das Suchfenster, und es erscheinen die letzten Suchanfragen. Auch auf diese Weise wurden also Informationen auf dem Gerät verändert / verarbeitet. Floridi zitiert zustimmend Kevin Bankston, Anwalt bei der Electronic Frontier Foundation, die sich für Grundrechte im Informationszeitalter einsetzt: „Ihr Suchverlauf ist ein Abbild Ihrer Vorstellungen, Überzeugungen, vielleicht Ihrer medizinischen Probleme. Die Dinge, nach denen Sie mit Google suchen, definieren Sie. (…) Daten sind praktisch ein Abdruck von dem, was in Ihrem Hirn vor sich geht: über welche Anschaffungen Sie nachdenken, mit wem Sie sprechen, worüber Sie sprechen“ (zitiert nach Floridi, S. 162).

 

Die Google-Suche definiert also die Informationsorganismen, sagt Floridi selbst, der Rückgriff auf die Daten (hier gilt zunächst der Satz: "Das Web vergisst nichts!"), die das digitale Informationssystem Google aufbereitet und vorhält, führt im Ergebnis zur abermaligen Erweiterung meiner erweiterten Kognition, halten wir das als Testaussage fest. Folgerichtig verhält es sich also so, dass im Informationszeitalter die digitalen Begleiter durch ihre "Gedächtnis"-Funktion in bestimmten Situationen, in denen ich ganz andere Informationen suche, mir in überraschender Art und Weise Teile meiner erweiterten Kognition zeigen können. Hier verhält es sich also ganz ähnlich wie mit dem "Bewusstsein", das durch Elemente des Unbewussten wieder angereichert werden kann (so durch einfaches "Wiedererinnern"). Diese Überlegungen zum Unbewussten knüpfen unmittelbar an Ausführungen von Clark und Chalmers an. Dieses "Unbewusste" der Informationsmaschine, die Dinge wieder ins Bewusstsein bringen kann, verstehe ich unter "Wir-sind-nicht-mehr-Herren-der-Infosphäre" (siehe oben). Die digitalen Begleiter können nun aufgrund ihres verlässlichen Speichers unsere Kognition erweitern. Unsere Kognition endet nicht mehr am Schädelknochen. Wenn es sich tatsächlich so verhalten würde, dann hätten wir die Kränkung 6.0 gefunden: Der Mensch ist weniger als ein Mensch. Der Mensch als Wesen, das in die Infosphäre geboren wird, kann noch so viel Informationen anhäufen, Bildung wagen, er bleibt unvollendet. Verkürzt und formelhaft ausgedrückt: "Ein Mensch < Inforg" oder "m<io". Sollte es sich tatsächlich so verhalten, dann wären wir wieder am Anfang angekommen und die Fragen wären noch immer die gleichen: Wie bilden, wie Bildung realisieren, welches "Subjekt" mit Bildung ansprechen? Aber wie sehen jetzt die Antworten aus?

 

(*tatsächlich ist das eine hegemoniale These von Teilnehmern an dem Gedankenexperiment, sie ist - wie oben gesehen - jedoch falsch).

 

Fortsetzung folgt ...

 

Literatur:

 

Andy Clark und David Chalmers (1998): Extended Mind, in: Analysis, Vol. 58, Nr. 1/98, S. 7-19. 

Luciano Floridi (2015): Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert, Berlin (eBook Suhrkamp Verlag). 

Turing-Faksimile (Ausschnitt) von: https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/urn/urn:nbn:de:hbz:6:1-85465