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Digital hesitancy

Vielleicht hätte sein Leben noch gerettet werden können. In der Stunde des größten Schocks, des diagnostizierten und sich ausbreitenden Krebses entschied er sich zunächst für eine Behandlung, die aus einer Mischung von Diät und Naturheilkunde bestand. Wir wissen das aus der großartigen Biografie von Walter Isaacson über Steve Jobs. Liest man die aufwühlende Biografie mit den Erfolgen und Misserfolgen im unternehmerischen wie im persönlichen Leben von Steve Jobs, kommt man um die Frage nicht herum: Warum? Warum entschied sich der neophile Steve Jobs, der innovative Anführer eines Tech-Riesen, zunächst gegen die technisch und medizinisch möglichen Empfehlungen der Ärzte. Warum vertraute der vermeintlich rationale und technikaffine Mensch zunächst nicht der "Apparatemedizin"? Die Antwort dazu findet man nicht in der Biografie von Isaacson, sondern beim deutschen Philosophen Philipp Hübl und dessen neuem Buch "Die aufgeregte Gesellschaft". Der aus meiner Sicht unglückliche Haupttitel verrät nichts über die tiefen philosophischen Einblicke in die Funktionsweise der menschlichen Emotionen (siehe Untertitel). Übertrage ich die Erkenntnisse von Hübl auf das Leben und Sterben von Steve Jobs, dann erkennen wir, dass Jobs ein "spiritueller Progressiver" war, vielleicht sogar der Idealtyp, das Musterbeispiel der Verbindung von Hippie-Kultur (Spiritualismus) und Tech-Utopie (Progressivität). Unverzichtbar für jede Biografie über Steve Jobs: seine Indienreise.

Bild von Gerd Altmann von Pixabay

1. Die These

 

Nun geht es hier im Text nicht um Steve Jobs. Wir behalten ihn als MUSTER des spirituellen Progressiven im Kopf, um die Folgethesen zu testen. Hier wird es um das "aufgeklärte Bürgertum" gehen, das immer mehr einer neuen hartnäckigen Ideologie folgt: Lernen bleibt Lernen und Geräte im Unterricht stören meistens.

 

Möglicherweise gibt es zwei Ereignisse, die wie ein Katalysator diese Haltung in dem Sinne beschleunigt haben, dass sie eine klare Kontur und einen Ort gefunden haben: Fukushima-Daiichi und die unmittelbar folgenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Hier finden wir vermutlich den Ort der großen Verbindung, die Überwindung des Schismas von bürgerlich-konservativ und ökologisch-progressiv. Sehr prägnant geht nunmehr von Südwestdeutschland die bemerkenswerte widerständige Bewegung aus: ökologisch, konservativ, vermeintlich christlich, zivil ungehorsam. Das Bild dazu: Der vom Wasserwerfer verletzte Bürger im Widerstand gegen Stuttgart 21. Manchmal verbindet sich die neue Ideologie auch mit den technikkritischen philosophischen Abhandlungen des Martin Heideggers. Vermutlich in Freiburg geschrieben, sagt Heidegger 1967 in Athen: "In der kybernetisch vorgestellten Welt verschwindet der Unterschied zwischen den automatischen Maschinen und den Lebewesen. Er wird neutralisiert auf den unterschiedslosen Vorgang der Information" (zitiert nach Nassehi, MUSTER, Kapitel "Kybernetik und die Rückkopplung von Informationen"). Auf diese Weise präpariert werden dann Sätze kreiert wie dieser: "Die Atombombe und der Computer wurden als Mittel des totalen Krieges erfunden", jüngst tatsächlich so von einem Kritiker der Digitalisierung von Schule vorgetragen. Psychosozial betrachtet ist daran erschreckend (und interessant), dass die deutsche Verantwortung für den "totalen Krieg" hier den Alliierten, also den Amerikanern (Atombombe) und den Engländern zugeschoben wird (Turing und der Entschlüsselung der Enigma, dieses schönen Stückes deutscher Ingenieurskunst). Deutschland befindet sich damit in einer legitimen Abwehrschlacht gegen einen uns aufgezwungenen totalen Krieg, der nur ein Ziel hat: die Menschen zu programmierbaren Maschinen zu machen. Und das merkt man auch der Debatte an.

 

In Deutschland glaubt man also solch verrückte Sachen, obwohl man sich als Teil einer aufgeklärten, mal naturwissenschaftlich, mal geisteswissenschaftlich geprägten progressiven Elite zugehörig fühlt, die auch ihr christliches Menschenbild in die Schlacht einbringen; im Nebenjob bringen sie ihre Kraft und ihr Expertenwissen ein, um "die aus den Fugen geratene Welt" wieder in Einklang mit den natürlichen Dingen bzw. Abläufen zu bringen. Es war u.a. diese Gemengelage, die zu dem sehr wünschenswerten Zusammenschluss von "Experten" und "Amateuren" in der #FridaysforFuture-Bewegung geführt hat. Hier die Schüler und Schülerinnen, dort die Experten und Expertinnen. Und das ist gut so. (Welche politischen Konsequenzen insgesamt die imaginierte Experto- oder besser Technokratie in Bezug auf die Verfasstheit des Gemeinwesens haben würde, muss an anderer Stelle untersucht werden).

 

Hier soll es nun um die Schattenseite dieser Orientierung gehen, die in Philipp Hübls neuen Buch "Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken" als "spirituell-progressiv" klassifiziert wird. Daran ist nun besonders interessant, dass sich diese Gruppe ideologisch mit den Konservativen treffen, so wir wir es als Politik-Modell oder als politischen "Freilandversuch" im Südwesten der Republik seit nunmehr neun Jahren beobachten können.

 

"Der Schablone der sechs Prinzipien [siehe dazu unten mehr] zufolge hegen Progressive zwar selten konservative Emotionen, doch unter ihnen gib es die Untergruppe des spirituellen Progressiven, die besonders im gebildeten urbanen Bürgertum zu finden ist. Die spirituellen Progressiven treffen sich mit den christlichen Konservativen dort, wo es um die Natur geht, sozusagen in einer schwarz-grünen Koalition der Reinheit". (Hübl, S.269).

 

Damit sind wir bei der Kernthese: Die Allianz von spirituellen Progressiven und christlichen Konservativen führt eine Abwehrschlacht gegen das Digitale, in denen die Progressiven (die hier die meisten der relevanten Akteure stellen) ihre Prinzipien Fürsorge, Fairness und Freiheit in Stellung bringen. Da sie sich aber mit den christlichen Konservativen treffen, übernehmen sie von denen auch insbesondere das Prinzip Reinheit (neben dem Reinheitsprinzip gelten für Konservative auch die Prinzipien Autorität und Loyalität). Die relevanten Prinzipien werden durch die aufziehende Digitalisierung vermeintlich verletzt, daher die Abwehr. Diese Abwehr entspringt - folgt man Hübl - den menschlichen Basisemotionen, die Progressiven reagieren mit moralischen Zorn, die Konservativen mit moralischem Ekel und damit mit Abscheu (vgl. Hübl, S. 87 f.).

 

Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier liegen keine Kausalitätsbehauptungen vor, die Südwestdeutschlandthese (Verschmelzung von Progressivität und Ingenieursleistung und christlicher Konservativismus und ggf. deutsche Lebensphilosophie) ist ein absolut nachrangiges Korrelat und für meine Argumentation nicht wichtig. Hier relevant ist die "3. Revolution", ausgelöst von der Psychologie, dass wir eben nicht "Herr im eigenen Haus" sind, wie es Freund formulierte, dass nicht in erster Linie der platonische rationale Verstand die Emotionen beherrscht, sondern dass einige Basisemotionen und die aus ihnen entspringenden Prinzipien unsere automatischen Entscheider sind, dass man zwar "mit dem Kopf" die emotionale ("default") Voreinstellung überwinden kann, dass das aber immer anstrengend und machmal eben sehr sehr anstrengend ist. Hier ist es nun notwendig, die zentrale Argumentation und die von Hübl zur Verfügung gestellten Kategorien und "Bilder" genauer zu rekonstruieren. Anschließen kann dann die Darstellung des behaupteten Korrelats dieser Prinzipien und der Abwehr des Digitalen erfolgen.

 

 

 

 

2. Philipp Hübels Theorie der menschlichen Emotionen und deren Rolle für "vernünftige" Entscheidungen, Exkurs Trolley Problem

 

"Kant hatte unrecht". (Hübl, S.X) 

 

Hübl nähert sich phänomenologisch über die Angst-Erfahrung im Kapitel "Wer nicht denken will, muss fühlen" den Grundfunktionen der Emotionen: "Emotionen haben also diese drei Funktionen: Sie informieren uns durch eine automatische Bewertung über unsere Umwelt, sie leiten ein Verhalten ein und sie sind Teil der nichtsprachlichen Kommunikation, denn andere können an unserem Verhalten ablesen, wie es uns geht" (Hübl, S. 37). Im Anschluss wird die Rolle der Angst hervorgehoben und ihre angeborenen wie erlernten Auslöser: "Angst ist ein Warnmechanismus des Körpers, der unsere Umwelt bewertet, indem er sagt: 'Da ist eine Gefahr!'". Hübl nennt als Beispiele für angeborene Auslöser z.B. Schlangen und Spinnen und für erlernte die Angst vor Abiturprüfungen (vgl. Hübl, S. 40 f.). Wir wissen heute, dass die meisten Menschen "im Westen" in mehreren Fällen Denkfehler aufsitzen, und zwar i.d.S., dass sie die subjektive Empfindung von Bedrohlichkeit mit der tatsächlichen Gefahr verwechseln (Hai - Mücke/Zecke, Terror - Individualverkehr: Es sterben so viel mehr Menschen durch Mücken und den Individualverkehr.), vgl. Hübl, S. 44f.). Hübl: "Angst prägt unsere moralischen und politischen Intuitionen. Viele Untersuchungen zeigen, dass Konservative mehr Angst als Progressive haben und die Welt als bedrohlich wahrnehmen" (Hübl, S. 47). Er weiß auch, dass alle Parteien Ängste ansprechen, auch die progressiven links der Mitte: Angst vor dem Klimawandel, vor dem sozialen Abstieg, der fehlenden Absicherung usw. (ebd.). 

 

Im Folgekapitel nutzt Hübl in genialer Weise das philosophische Gedankenexperiment "Trolley-Problem" (hier ist es vom Schweizer Fernsehen verfilmt), um die Rolle der moralischen Intuitionen darzulegen. Im Kern diskutiert er hier die Unterschiede zwischen utilitaristischen und pflichtethischen moralischen Überzeugungen. Für die Darstellung hier unten ist die Erweiterung des Trolley-Problems relevant: "Du stehst nicht an der Weiche, sondern du kannst einen dicken Mann, politisch korrekt: einen großen Mann mit Rucksack von einer Brücke schubsen, so dass er auf den Schienen zum Liegen kommt und die Bahn aufhält". Die Ergebnisse dieser Variante vom Trolley-Problem werden im darauffolgenden Kapitel mit neurowissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen erweitert.

 

"Wenn Probanden überlegen, ob sie die Weiche umlegen sollen, ist ihr dorsolateraler präfrontaler Kortex aktiv. Das ist der obere Teil des Frontallappens hinter der Stirn. Dort liegt die neuronale Grundlage für das Planen, die Impulskontrolle und das abstrakte Denken - wenn man beispielsweise eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt. Der Einfachheit halber spreche ich hier vom kalten System. ["kühles Abwägen"] Wenn Versuchspersonen hingegen vor die Frage gestellt waren, ob sie den Mann mit dem Rucksack von der Brücke stoßen sollten, war ihr ventromedialer präfrontaler Kortex aktiv, der untere Teil des Frontallappens hinter der Stirn, sowie Teile des limbischen Systems, speziell die Amygdala, die Teil des neuronalen Schalkreises der Angst ist. Das limbische System bildet die Grundlage für Emotionen, Motivation, Belohnung und Erregung. Ob es sich bei dem System um eine funktionale Einheit handelt ist umstritten. Vereinfachend kann man es dennoch das heiße System nennen" (Hübl, S. 60). ["Kalt", bzw. "kaltes System" steht nun für utilitaristische Kosten-Nutzenabwägungen, "heiß", bzw. "heißes System" für pflichtethische Urteile].

 

Die Untersuchungen, die Hübl heranzieht, stammen von Joshua Greene. Dieser fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen (Zitat Hübl): "Unser Moralsystem hat zwei Einstellungen, um das Töten anderer Menschen zu beurteilen, vergleichbar mit einer Digitalkamera. Die Standardeinstellung sagt: Tue nicht, was andere tötet, schon gar nicht, wenn du deine eigene Kraft einsetzt und sie bloß als Mittel zum Zweckt benutzt. Die zweite Einstellung ist der manuelle Modus, der die Werkseinstellung aktiv ausschaltet, wenn es darum geht, andere zu töten, um Leben zu retten" (Hübl, S. 61.). Warum stoßen die meisten Menschen also nicht den großen Mann mit Rucksack von der Brücke? Es ist "nicht die kühle Vernunft, sondern das 'heiße' System' für Emotionen im Hirn", [das] eingeschaltet ist, das uns vor der Tat zurückschrecken lässt. Unsere Tötungshemmung ist eine vorteilhafte Spielart der Angst, die uns zu Pflichtethikern macht" (Hübl, S. 70). "Greenes Pointe lautet daher: Kant hatte also unrecht. Das Herzstück seiner Pflichtethik, der kategorische Imperativ, leitet sich nun gerade nicht von der Vernunft ab, dem kalten System, sondern entspringt den emotionalen Regionen des Hirns". (Hübl. S. 61). Wir lernen also daraus, dass wir unsere Emotionen durchaus pflegen sollten, um unsere Tötungshemmungen aufrecht zu erhalten. Wir lernen darüber hinaus wesentlich mehr, nämlich erkennen die Grundidee der westlichen Moral: Ihr geht es um die Autonomie des Individuums, um den Schutz dieser Autonomie und um die Abwehr von Schaden des Individuums. (vgl. Hübl, S. 80).

 

 

 

3. Die sechs Prinzipien der Moral

 

"Bei moralischen Prinzipien denken viele an universelle Menschenrechte wie Schutz vor Schaden an Leib und Leben, an Gleichheit vor dem Gesetzt und an Freiheiten wie die Meinungs-, Reise- und Pressefreiheit. Die drei Prinzipien sind absolut zentral. Sie sind die drei großen "F"s der Moral: Fürsorge als Schutz vor Gewalt und Notlagen, Fairness als eine gerechte Behandlung und Freiheit als Selbstbestimmung und Abwesenheit von Zwang. Diese drei Prinzipien sind weltweit allen Menschen wichtig, stehen aber vor allem im Zentrum der neuzeitlichen westlichen Moral" (Hübl, S. 74).

 

Hübl selbst hat in seinen Vorträgen mit seinem Publikum entlang der Emotion Ekel das Bedürfnis von Reinheit getestet (Seine spannenden Ergebnisse auf den Seiten 76 ff.). Dies geschieht auf Basis der drei Ethiken, die der Psychologe Richard Allan Shweder zusammengestellt hat.

 

"Sein Modell lässt vieles in neuem Licht erscheinen, denn es enthält nicht einen, sondern drei Bereiche: Autonomie, Gemeinschaft und Heiligkeit. Unter die 'Ethik der Autonomie' fallen die drei progressiven "F"s, also Fürsorge, Fairness und Freiheit. Dazu kommt noch die 'Ethik der Gemeinschaft', in der es um Loyalität zu einer Gruppe, um Respekt und Ehre oder um Hierarchien wie das Patriarchat geht. Und schließlich die 'Ethik der Heiligkeit', in der sich alles um Reinheit und Religion dreht, also darum, dass man die Götter zu ehren hat und heilige Schriften oder Symbole nicht beschmutzen darf". Dieses Modell wurde nun wiederum von Haid und Graham erweitert. Aus diesen drei Ethiken haben sie sechs emotionsbasierte Prinzipien herausgearbeitet, die auf den Ergebnissen von Hunderten von Versuchen aus der Psychologie und Evolutionsbiologie beruhen mit inzwischen mehr als 100000 Testpersonen. Die drei erwähnten "F"s der westlichen Moral gehören dazu. Fürsorge zeigt sich positiv in unserem Mitgefühl und stellt sicher, dass wir uns um Kinder und Hilfsbedürftige kümmern. Fairness äußert sich in unserem 'Gerechtigkeitssinn und sensibilisiert uns für das Gleichgewicht in der menschlichen Kooperation. Freiheit drückt sich in dem Wunsch aus, selbstbestimmt und ohne Zwang zu leben. Diese drei Prinzipien kann man in allen Kulturen und Religionen nachweisen. Wir reagieren mit negativen Emotionen auf Verletzungen dieser Prinzipien, und zwar mit moralischem Zorn. Wir sind empört, wenn Schwachen Leid widerfährt (Fürsorge), wenn andere unterdrückt werden (Freiheit) oder wenn man sie ungerecht behandelt (Fairness).

Bei Konservativen und bei Traditionalisten aus vielen nicht-westlichen Kulturen haben diese Prinzipien aber keinen absoluten Wert, sondern stehen gleichberechtigt neben drei weiteren Prinzipien. Erstens Loyalität. Da geht es um die Treue gegenüber dem eigenen Stamm: dem Volk, der Religion oder der Fußballmannschaft. Das zugehörige Gefühl sind der National- oder Vereinsstolz sowie die Verachtung für Fremde und Verräter.

Das zweite Prinzip ist Autorität. Hier geht es um Hierarchie und Anerkennung, um Rang und Ehre, Respekt und Unterordnung. Sie findet Ausdruck in Familienhierarchien wie dem Patriarchat, in Orden und Abzeichen.

Das Prinzip der Reinheit schließlich suggeriert einen Unterschied zwischen dem "Heiligen", "Reinen" und "Natürlichen", wie etwa der Ehe oder dem Christuskreuz, und dem 'Unreinen' und 'Unnatürlichen' wie etwa Inzest oder Selbstbefriedigung. Bei Verstößen gegen diese Prinzipien reagieren konservativere Menschen nicht nur mit moralischem Zorn, sondern vor allem mit Abscheu, den man als moralisch relevanten Ekel auffassen kann.

Diese sechs Prinzipien sind zentral für dieses Buch, denn sie bilden weltweit die emotionale Grundlage des moralischen und politischen Denkens" (Hübl, S. 78 ff., Fett-Hervorhebung von mir).

 

Die Anerkennung dieser sechs Prinzipien ist daher auch Voraussetzung, um meiner Argumentation etwas abzugewinnen. Daher erlaube ich mir, noch einmal auf die 100.000 Testpersonen zu verweisen.

 

Hübl greift schließlich korrigierend ein: "Ein Großteil unserer moralischen Urteile und Entscheidungen entspringt sicherlich unseren Emotionen. Doch wir können in automatische Prozesse eingreifen und unsere Natur zum Besseren korrigieren. Allerdings ist das mühsam und kostet Zeit und Aufmerksamkeit. Sicherlich machen wir in moralischen und politischen Fragen zu selten Gebrauch von der Vernunft. Wir folgen lieber unseren emotionalen Intuitionen. Kant drückt das in seiner eigenwilligen Prosa folgendermaßen aus: 'Aus so krummen Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden'" (Hübl, S. 86).

 

Wichtig ist, dass die sozialpsychologische Forscher*innen-Gemeinschaft insbesondere durch Beobachtung, Befragung und Experimente gerade in Indien erkannt hat, dass die "westlichen" Prinzipien in traditionellen Gesellschaften nur abgeschwächt gelten, weil die konservativen Werte von deren Trägern als absolute Prinzipien behauptet werden. 

 

 

 

4. Die große Verbindung

 

Aus heutiger Sicht unvorstellbar, aber vermutlich hat auch Steve Jobs in Indien noch die unberührte Natur entdeckt. Sicher hat er neben der Natur auch die traditionellen Prinzipien wahrgenommen und insbesondere das Prinzip Reinheit mit zurück in die westliche Welt genommen. Vermutlich liegt man nicht ganz daneben, wenn man das Prinzip Reinheit noch im puristischen Design der Apple-Geräte wiedererkennen will. Ganz sicher aber hat das Prinzip Reinheit Jobs zur fatalen Einschätzung gebracht, dass alles "künstliche", alles chemisch-medizinische seinem Körper nicht heilen könne, sondern dass er sich dafür in eine natürlichen Umgebung mit natürlichen Substanzen und Diät (= Fernhalten von verfremdeten, künstlichen Lebensmitteln) begeben muss, die in ihrer großartigen Ordnung, in der alles mit Sinn erfüllt ist, für die Gesundung sorgen wird. Leider ging sein spiritueller Antrieb nicht auf und so verstarb er viel zu früh, weil er bei Ausbruch der Krankheit vermutlich Zeit verschenkt hat.

 

Mit diesen Gedanken vorbereitet können wir jetzt in Kapitel 25 von Hübl springen, es heißt "Detox, Bio und Impfverweigerung: Wie heilig ist die Natur?" Zunächst eine Selbstverständlichkeit: Konservativ bedeutet ja nicht so viel wie "schlecht". Ganz im Gegenteil: Das Unbekannte zu meiden, ist "eine vorteilhafte Strategie [des Körpers], um sich vor Schadstoffen zu schützen" (Hübl, S. 270). [Es folgt das Zitat aus dem ersten Kapitel, doch wir wollen zunächst in den USA bleiben, dazu Hübl]:

 

"Für viele Konservative, besonders in den USA, ist die Natur 'rein' und 'heilig', weil sie Gottes Schöpfung ist. Für die spirituellen Progressiven ist die Natur rein, weil sie beseelt ist oder eine personifizierte Kraft darstellt: 'Mutter Natur'. Während sich die konservativen Reinheitsthemen eher um Sex, Leben und Tod drehen, steht im spirituell-progressiven Diskurs die Gesundheit im Vordergrund, beispielsweise bei der Idee der 'Heilkräfte' der Natur oder bei 'Detox', einer vermeintlichen 'Entgiftung' des Körpers durch Smoothies. Medizinisch gesehen sind dafür Leber und Nieren zuständig.

Hier paaren sich der emotionale Alarmmechanismus, der auf Angst und Ekel beruht mit Gaia-Überzeugungen, nach denen die Natur eine gütige Mutter ist. In der griechischen Mythologie ist Gaia die Erde, die Urgöttin der ersten Generation [...] Wer Gaia-Überzeugungen hegt, macht typischerweise unbelegte und oft genug pseudowissenschaftliche Annahmen wie 'Die Selbstheilungskräfte des Körpers sind am stärksten', 'Die Natur hat darauf eine Antwort' oder 'In der Biosphäre hat alles einen Sinn'" (Hübl, S. 270).

 

Diese Menschen fürchten alles Künstliche und belegen das Natürliche mit dem Werturteil gut, wie das Künstliche mit schlecht (für den Körper). Die Superfood-Bewegung wäre ohne diese Dispositionen nicht denkbar gewesen. Besorgniserregend und für die Allgemeinheit schädlich fallen die überzogenen Reinheitsvorstellungen negativ im Impfkontext auf.

 

"Eine falsche Vorstellung von Reinheit treibt auch radikale Impfgegner aus dem progressiven Bürgertum an, die manchmal nahezu religiös und sogar militant gegen Erkenntnisse der Wissenschaft vorgehen. [...] Auch hier geht es um Schutz und um Reinheit. Wieder schrillen die Alarmglocken auf, weil etwas Fremdes und 'Unnatürliches' in den Körper der Kinder gelangt und damit ihr Wohl auf dem Spiel zu stehen scheint. Tatsächlich ist es umgekehrt. Laut WHO sterben jährlich weltweit über 1,5 Millionen Kinder an Krankheiten, die man durch Impfungen verhindern könnte. Daher führt die WHO Zögerlichkeit beim Impfen ('vaccine hesitancy') als eine der weltweit größten Gefahren für die Gesundheit an, neben Ebola, Dengue-Fieber und massiver Luftverschmutzung" (Hübl, S. 272 f.).

 

Hübl weiß zu berichten, dass eine große US-Studie, den Skandal öffentlich gemacht hat: Die Studie fand heraus, dass in einem teuren privaten Kindergarten in der Nähe von San Francisco nur 14 Prozent der Kinder geimpft waren und für einen sehr speziellen Stadtteil von Los Angeles gilt ähnliches: "Die Impfquote in den wohlhabenden Stadtteilen von Los Angeles, wo die Kinder der Hollywoodstars wohnen, war in diesem Jahr [2014] so niedrig wie im Südsudan, einem der ärmsten Staaten der Welt" (Hübl, S. 274).

 

Das sind also die realen gesellschaftlichen Folgen in Bereichen, in denen die spirituellen Progressiven, die exemplarisch für "das Neue" stehen, Verantwortung zeigen (müssten). Es sind mit Bezug auf San Francisco, bzw. das "Valley" genau diejenigen, auf die man sich in Deutschland so gerne beruft, wenn es um die Legitimität von "Geräten" in der Schule geht. Haben Sie nicht auch schon den Satz gehört, dass die dort Verantwortlichen Ihren eigenen Kindern oder Neffen die Geräte bis ins hohe Jugendalter vorenthalten? Bestimmt. Zwei Aspekte sind an dem "Argument" besonders interessant: 1. Man unterstellt Geheimwissen, das man selbst allerdings in Kenntnis gebracht hat und nun weitergeben kann. So heißt es dann, weil diese CEOs die Hauptakteure im Digitalbusiness sind, besitzen Sie geheimes Wissen (um die Folgen ihrer eigenen Geräte und Anwendungen), so dass sie zur Schlussfolgerung kommen, ihren Kinder Geräte und Dienstleistungen nicht in die Hände zu geben. 2. Auf Basis dieses Geheimwissens kommen die dort Verantwortlichen zur vermeintlich richtigen Schlussfolgerung: Digitales und digitale Geräte haben in der Schule nichts verloren, sie schicken ihre Kinder in die Waldorfschule. Und so schließt sich der Kreis. Spirituell-progressiv-Naturverehrung-Verwechslung von subjektiver Bedrohung und objektiver Gefahr - Impfgegnerschaft - Digitalgegnerschaft - Waldorfschule und wieder von vorne.

 

 

 

5. Digital Detox für deutsche Schulen

 

Wir wissen nun eine ganze Menge mehr: Die spirituellen Progressiven verwechseln in vielen Bereichen des Lebens imaginierte Bedrohungen (subjektives Gefühl), die immer von außen kommen und schädlich auf den Körper einwirken, häufig unsichtbar sind (Atomstrahlen, digitale Daten u.a.m.), mit tatsächlichen Gefahren. Im schlimmsten Fall (siehe auch gerade das Impfen) kippt durch die Hypersensibilität im Bereich Reinheit das Denken in Gegen-Aufklärung um. Es ist objektiv widersinnig und für die Gesellschaft gefährlich. Es sind aber genau jene "Vorbilder", die von den deutschen Digitalskeptikern herangezogen werden, um unsere Kinder und Jugendliche ebenfalls vor den Gefahren zu schützen. Welch ein fatales Signal. In der folgenden Tabelle sollen die genauen Beziehungen zwischen den emotionalen Prinzipien, die die Moral und schließlich die Abwehrhaltung gegen die Digitalisierung bestimmt werden.

 

An anderer Stelle habe ich die Vorstellung vieler deutscher Eltern, die Schule Smartphone frei zu erhalten, als "astreine Projektion" (also im psychologischen Sinne) gekennzeichnet. Hier will ich mit der folgenden Tabelle nun zeigen, wie sich die Abwehrhaltung emotional zusammensetzt: 

 

Die emotionsbasierten Prinzipien der spirituell Progressiven So äußert sich die Sorge um die Aufrechterhaltung der Prinzipien
 Fürsorge Die Fürsorge ist gestört. "Das Gerät" oder "Das Digitale" tritt nun zwischen Pädagoge/Pädagogin und Kind; die Aufrechterhaltung des Prinzips scheint vollständig gefährdet. Gleichzeitig kann die elterliche Fürsorge vor "zu viel Bildschirm" nicht mehr aufrechterhalten werden, bzw. sie wird durch die Nutzung der Geräte in der Schule als Ideologie entlarvt.
Fairness Die Fairness ist nicht mehr gegeben: Es öffnet sich eine materielle wie kognitive digitale Kluft, die zwischen den Kindern und Jugendlichen aus gutbürgerlichen Haus und den wenig häuslich begleiteten Kindern: "Den lernstarken Kindern mag es zusätzliche Kompetenzen bringen, die vernachlässigten werden aber weiter abgehängt". Das Argument wird auch deshalb so gerne von Professoren verwendet, weil es "selbstlos" wirkt. 
Reinheit Das Tablet oder das Smartphone (oder der Computer) verunreinigen den eigentlich sauberen Lernprozess des Kindes, in der Konsequenz muss "Lernen Lernen bleiben". Gleichzeitig ist das Digitale das Dunkel-Fremde, das Darknet, aus dem das Unheil droht, das wiederum weitere Verunreinigungen mit sich bringt: Drogen, Perversion, Waffen. Auch werden Ekelreize dadurch aufgerufen, wenn es um die reale und tatsächliche Unreinheit des Gerätes geht ("Kolibakterien im besten Falle, multiresistente Keime im schlechtesten").
Freiheit (bei den spirituell Progressiven) durch die Reinheit etwas in den Hintergrund gerückt). Die Freiheit des deutschen Pädagogen und in der Folge der Kinder und Jugendlichen ist gefährdet. US-amerikanische Konzerne drohen in den Schulen aus gebildeten jungen Menschen programmierte Maschinen zu machen. Mit dem Computer wird ein totaler Krieg gegen unsere Freiheit geführt. Wir alle werden Sklaven, programmierte Maschinen wie es schon Bill Gates auf den Punkt brachte. Daher wird er dann zitiert: "In Zukunft werden wir Benutzer wie Computer behandeln: Beide sind programmierbar". (zitiert nach: Die Welt, 10.8.2000). Die Versklavung beginnt mit der Kontrolle: "Google weiß, was wir denken, (...) Youtube und die Spielkonsole wissen was wir sehen" (Dirk Helbing, in: SZ 22.3.18). Zum Todesstoß wird dann mit Harari angesetzt: "Menschen sind lediglich Instrumente, um das Internet der Dinge (aus Daten) zu schaffen. Dieses kosmische Datenverarbeitungssystem wäre dann wie Gott" (Homo Deus, 2017, S. 515).

 

Die erzählte Geschichte der Skeptiker geht dann so: Im Anschluss an das Harari-Zitat wirft man den digitalen Heilsbringern der Silizium- und Softwarebranche vor, sich mit ihrem Data-ismus über Gott zu erheben und eine neue Religion der Daten gestiftet zu haben, dass man aber deren Hybris durchschaut habe und dass man nun um die wahren Ziele wisse, dass die Menschen zu Instrumenten degradiert werden, um sie programmierbar zu machen. Diesem setzen sie Widerstand entgegen: christliches Menschenbild, Linux, keine Cloud-Anbindung, Datensparsamkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer, die oft gegen die Beharrungstendenzen des deutschen Bildungssystems sich für eine humane Kultur der Digitalität engagieren, sind in diesem Bild "blinde" Jünger einen neuen Religion, deren Jahr Null auf den 29.2.(sic)1996 festgesetzt wird: "Wir werden eine Zivilisation des Geistes erschaffen" (John Perry Barlow in der "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace").

 

Folgt man meiner Darstellung mit Hübl, dann stellt es sich jedoch so dar: Viele Westdeutsche, die sich noch auf ihren christlichen Glauben berufen, haben diesen längst in einen neuen Glauben an Mutter Erde (Gaia), den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gemäß, überführt. Sie fühlen progressiv, stehen politisch auf der richtigen Seite (#ScientistforFuture) und sind doch nicht "Herr im eigenen Hause" (Freud). Ihre Motivationen ziehen sie aus den auf Emotionen beruhenden Prinzipien von Fürsorge (hier finden sich auch die letzten Reste des fürsorgenden monotheistischen Vatergottes), Fairness, Reinheit und Freiheit. Es ist nicht in erster Linie der Ekel (vor dem Fremden), der sie antreibt (das progressive Bürgertum ist global vernetzt), es ist der moralische Zorn (siehe Hübl, oben). Moralischer Zorn führt zu einem starken Sendungsbewusstsein. Man fühlt sich durch die politischen Entwicklungen in den USA nunmehr immer sicherer auf der richtigen Seite, wenn es darum geht, auch die ökonomischen Botschaften "aus dem Valley" zurückzuweisen. Die Kinder und Jugendlichen sind unbedingt zu schützen vor der Kontrolle durch die großen Fünf (Google, Microsoft, Apple, Amazon, Facebook).

Im Kulturkampf gegen das Smartphone werden schließlich doch auch zusätzlich Ekeltrigger gesetzt. Sehr interessant ist in dem Zusammenhang, dass regelmäßig der Vorwurf auftaucht, "die Jugendlichen fotografieren doch nur ihr Essen und stellen es auf Instagram"; das Essen des Fremden (die Jugendlichen sind als Folgegeneration uns Erwachsenen ja fremd geworden) spricht den Ekelreflex an. Der Hinweis auf die unsicheren Cloudsysteme folgt ebenfalls diesem Muster: Durch Einbruch von Außen und durch die gesammelten Daten, die "eines Tages" gegen uns verwendet werden, wird über den digitalen Umweg der echte Mensch verunreinigt. Tragisch komisch wirkt, dass man ausgerechnet im Südwesten des Landes das erste Gebot der digitalen Ethik erfunden und mit "Erzähle und zeige möglichst wenig von dir", auf eine prägnante Formel gebracht wurde. Die Datensparsamkeit hätte nun wirklich aus keiner andere Region Deutschlands authentischer formuliert werden können. Die Tragik ist jedoch, dass die Jugendlichen so nicht auf die reale Welt vorbereitet werden. In der musealen Schule in Deutschland wird auch die Wettbewerbsfähigkeit der bundesrepublikanischen Industrie gefährdet, wichtiger jedoch ist, dass eine ganze Generation verloren gehen könnte, weil ihnen beim Hineinwachsen in die digitale Gesellschaft nicht proaktiv digitale Kompetenzen, orientiert etwa an den drei Formen der Kultur der Digitalität, Referentialität - Gemeinschaftlichkeit - Algorithmizität, ermöglicht wurden. Eigentlich müsste die WHO warnen, neben der "vaccine hesitancy" ist die "digital hesitancy" der spirituellen Progressiven eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit der Menschen in fortgeschrittenen Informationsgesellschaften. 

 

 

P.S. Die Kapitalismuskritik der spirituellen Progressiven bedarf einer eigenen Untersuchung. Da ihrer Meinung nach der Kapitalismus in eine neue Form übergegangen sei, als Zeuge steht Shoshana Zuboff parat, und nun die Form des Überwachungskapitalismus angenommen habe, glaubt man gleichzeitig, dass man nicht Kunde, sondern das Produkt der großen fünf Player sei (siehe oben). Dazu an anderer Stelle mehr.

 

 

 

Literatur:

 

Birgit Eickelmann u.a. (2019): ICILS 2018. #Deutschland, Münster, New York.

Philipp Hübl (2019): Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken, München.

Walter Isaacson (2011): Steve Jobs, München. 

Armin Nassehi (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, München.

Martin Spiewack (2019): Um Klassen besser, in: DIE ZEIT Nr. 46, zitiert nach: https://www.zeit.de/2019/46/digitale-bildung-schulen-digitalisierung-kompetenzen-daenemark/komplettansicht.

Felix Stalder (2016): Kultur der Digitalität, Berlin.

SWR Wissen Aula (9.11.2019): Zauberwelt Digitalisierung - Wie die neuen Medien die Bildungswelt erobern, z.B. als Podcast Episode.