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Mehr Ratlosigkeit wagen!

Im Sommer 2018: Der letzte Regen der Junitage hatte sich verflüchtigt, die Sonne brannte, Facebook-Gründer Zuckerberg verzettelte sich in Ausreden und halbgaren Reaktionen seines Netzwerkes auf Hate-Speech und die Verbreitung von Unwahrheit. Und: Google wurde von der EU-Kommission zu 4,3 Milliarden Euro Strafzahlungen wg. unlauteren Wettbewerbs verklagt. In dieser Zeit erfrischte mich der Radio-Essay von Dirk von Gehlen (@dvg auf Twitter) ganz hervorragend: "Eine Anleitung für das digitale Leben. Mehr Ratlosigkeit wagen". Der Essay beruht auf der Publikation "Das Pragmatismus-Prinzip" (DPP). Ich will hier den Fokus auf drei Gedanken des Buches richten:

 

1. "Versuche stets mit "und" zu reagieren. Nicht mit "aber".

2. "Wer schon alles weiß, entdeckt nichts neues mehr, daher lebe nach einem umgedrehten Déjà-vu: Vujà-dé.

3. Wahrheit und Un-Sicherheit sind die wahren Vorbedingungen von Kreativität.

 

Diese und andere Gedanken aus Buch und Essay werden mit einem einzigen starken Emoticon zusammengehalten: dem Shruggie. Das achselzuckende Emoticon steht für einen gelassenen Menschen in einer wirklich unüberschaubaren Welt, die heute mehr denn je aus einer unüberschaubare Welt von domänenspezifischen Tatsachenaussagen über die Welt besteht (Was selbstverständlich nur dann der Fall sein kann, wenn die Welt tatsächlich existiert ;-) ). Der Shruggie soll somit Leser und Hörer durch die disruptiven digitalen Entwicklungen beim Sprung ins Turing-Zeitalter leiten.

 

Warum (1.)? Das "und" anerkennt die Komplexität der Welt. In einer Welt von Tatsachen existiert i.d.R. nicht das Eine oder das Andere, sondern beides (nebeneinander). Versuchen wir das einmal: Wir stellen die Aussagen unserer Gesprächspartner nicht infrage, sondern ergänzen mit einem "und" die bisherige Perspektive. Das "und" steht - aus meiner Sicht - für die Suchbewegung innerhalb eines skizzierten Problemfeldes. Mögliche Ergebnisse können also sein: Perspektive A und B ergänzen sich und gelten beide weiter. Perspektive A oder B stellt einen (nur) Teilaspekt des Gegenüber dar und kann in A oder B integriert werden, etwa so: Ba oder Ab. Die Suchbewegung kann allerdings - zu einem späteren Zeitpunkt bezogen auf das ursprüngliche "und" - zum Ergebnis kommen, dass A oder B oder beides falsche Aussagen waren.

Um Neues zuzulassen oder um "hinzuzulernen", kann man offensichtlich nicht (nur) auf die eigene Position bestehen. Gelingt es jedoch, die andere Position nicht nur zu Kenntnis zu nehmen, sondern sich sogar in die Position dergestalt hineinzuversetzen, sich hineinzudenken, sie so darzustellen, als wäre es die eigene, dann hat man den "ideologische Turing-Test" bestanden: Vertrete die andere Position so überzeugend, dass Zuhörer nicht mehr erkennen können, dass du nicht Vertreter dieser Position bist (von Gehlen führt den Begriff auf Bryon Caplan zurück, DPP, S. 61).

 

Nun zu (2.): In dieser komplexen Welt, die von der Digitalisierung anscheinend zu immer schnellerer Rotation gezwungen wird, die Menschen immer hektischer, kurzatmiger und vielleicht auch unzufriedener werden lässt, in dieser Welt geht es nicht mehr darum, bekannte Dinge (wieder) zu erkennen, die einem irgendwie (schon) bekannt vorkommen. Nein, denn besser ist, wenn man "die Haltung" dreht: Jetzt sehen wir bekannte Dinge so, als seien sie neu für uns. In dieser Position geht es nicht darum, sofort eine "neue Wahrheit" zu entdecken, es geht vielmehr darum - wie unter (1.) festgestellt -, mit einem "frischen" Blick neue Problemlösungsmöglichkeiten zu entdecken. Ein, zwei Beispiele? A. Viele Menschen lehnen Elektrofahrzeuge mit dem Hinweis auf die mangelnde Reichweite ab, b. gleichzeitig glauben die gleichen Personen, dass eine Entwicklung Richtung 100 Prozent erneuerbare Energien aufgrund der nicht gelingenden Speicherung von Wind- und Sonnenenergie Spinnerei ist. Hier hilft es häufig, mit bekannten Dingen (gemeint sind selbst erfahrene "Lebenszusammenhänge") das Neues doch zuzulassen. Das Bekannte bei A. ist die eigene Verwendung des Fahrzeugs, die zeigt, dass man nur relativ selten - über das Jahr hinweg - Fahrten unternimmt, die ein ein- oder mehrmaliges Nachladen mit dem entsprechenden Zeitverlust erfordern, und dass alle anderen Fahrten im heimischen Umkreis stattfinden. Bei der Stromspeicherung ist das Bekannte das kleine Wasserstaubecken. Das Neue besteht darin, dass - gerade in den vielen dt. Mittelgebirgen - viel Platz für Stromspeicher aus Wasser bestehen und durch eine infrastrukturelle Anstrengung - vielleicht mit dem Bau des Wasserstraßennetzes vergleichbar - sehr wohl 100 Prozent erneuerbare Energien realistisch sind. Auch das Beispiel von @dvg ist im Bildungskontext sehr passend: "Wer auf diese Weise mit dem 'und' des Pragmatismus arbeitet, hat sich bereits auf den Weg gemacht, Veränderungen gestaltend anzunehmen - was übrigens auch für die Debatte um den Wert der Handschrift gilt. Denn vermutlich wird auch hier ein 'und' zum Tragen kommen, eines, das Handschrift und Tastatur verbindet" (DPP, S. 131).

 

(3.) Mit dem Bezug auf Bill Burnett und Dave Evans und deren Buch und Webseite "Design Thinking" stellt von Gehlen fest, das sein Vorschlag auf ein Refraiming in der bekannten Situation basiert. "Ein Refraiming findet statt, wenn wir neue Informationen zu einem Problem aufnehmen, unseren Standpunkt neu formulieren und wiederholt nachdenken" (ebd.). "Wiederholt nachdenken" ist für mich der Schlüsselbegriff. Gerade in Zeiten des vielen "Vorwärts-Denkens" ist Nach-Denken der eigentliche Schlüssel zum Verstehen. Daher möchte ich hier auch ausdrücklich ein Lob auf das Nach-Denken aussprechen. Nach-Denker sind vielleicht so zu erkennen: Es handelt sich um Menschen, die es als - teilweise! - ratlose Zuhörer schaffen, in Gesprächen häufig mit einem "und" Perspektiven der Gesprächspartner zulassen, um gemeinsam Probleme neu zu betrachten, von Gehlen zitiert den Innovationsforscher Greg Satell:"Wenn Sie eine wirklich innovative Kultur etablieren, sollten Sie nicht Ideen feiern, sondern anfangen, Probleme zu glorifizieren" (DPP, S. 132). 

 

Zusammenfassung: Auf der Suche nach Problemlösungen benötigen wir "offene Sinne*", eine Kultur des "und" sowie immer wieder Offenheit für ein RE-Fraiming, das durch wiederholtes Nach-Denken möglich wird, so dass Neues im Bekannten entdeckt werden kann. So vermeidet man die Position des "zynischen Zuschauers", der - überwältigt von der Komplexität der Welt - aufgegeben hat. Beherzige die Regeln des Shruggie, sagt von Gehlen, und du bist auf dem besten Weg dir in einer sehr sehr komplexen Welt so etwas wie ÜBERFORDERUNGSBEWÄLTIGUNGSKOMPETENZ anzueignen (DPP, S.45).

 

*Wir können mit Markus Gabriel unser Denken als einen weiteren Sinn verstehen (Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens, S.19).

 

Update 27.1.19

Im Podcast "Wissen" von SWR2, https://tinyurl.com/yd65d7qr, von heute kann man die Originalaussagen von Zuckerberg zum Verstecken der Falschnachrichten hören. Außerdem besticht der Podcast zum einjährigen Bestehen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes durch Stimmen der #Content-Moderatoren von Avato (Berlin), die im Auftrag von Facebook Inhalte löschen. Originalausspruch: "Es hat sich angefühlt, als würde mir Abfall in den Kopf gefüllt".