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Digitale Ethik, oder: Können schon Sechstklässler:innen - in einem Akt der Selbstgesetzgebung - Regeln für den Klassenchat entwickeln?

Ich habe mich hier vor drei Jahren zur digitalen Ethik geäußert. Geraten habe ich mit P. Wampfler zu einer zeitgemäßen, experimentellen Medienkompetenz, die von den Kindern und Jugendlichen, von den Schülerinnen und Schülern ausgeht. Ich habe die Thesen damals ausdrücklich gegen die Stuttgarter 10 Gebote der digitalen Ethik positioniert und deren Untauglichkeit für ein Leben in einer Kultur der Digitalität behauptet. Jetzt stand ich vor dem Hintergrund und der Gemengelage von Krieg - Falschnachrichten - Verbreitung und Unterbrechung von Falschnachrichten in Chatumgebungen vor der Herausforderung auch mit jüngeren Schüler:innen Regeln für den realexistierenden Klassenchat zu entwickeln. Die Ergebnisse, die dabei herausgekommen sind, überraschen auf mehreren Ebenen ...

Abbildung 1 - Meme "Bestandsaufnahme"

 

Hier kommt man zurück zum Artikel aus 2019:

https://www.m-schoengarth.de/vierzehn-memes-fuer-ein-leben-onlife/

 

 

Wie aus dem Meme oben schon zu erahnen: Wir haben keine "10 Gebote" aufgeschrieben, nein, wir haben Memes erstellt, die das Verhalten im Klassenchat orientieren sollen. Die mir vorliegenden Memes changieren vielleicht zwischen dem vermeintlich sozial Erwünschten und wirklich eigenen Ideen, die allerdings im Vordergrund stehen. Dabei war - wie oben im Verb "orientieren" ausdrückt - die Orientierungsfunktion der Memes für einen funktionierenden Chat das relativ abstrakte Kriterium, um zu Beginn keine (bzw. ganz wenige) inhaltlichen Vorgaben zu machen. Abbildung 1 nenne ich zunächst "Bestandsaufnahme", weil man es so lesen kann: Schüler:innen reflektieren auf Ihren Chat und stellen fest, dass sie häufig auf "inhaltsleere" Nachrichten treffen. Tatsächlich enthält das Meme zugleich in negativer Form die normative Forderung, wenig sinnvolle Kommunikationsanteile zu reduzieren und erinnert dabei an die zentrale Funktion eines Klassenchats, im Wesentlichen nur relevante Inhalte, die alle Schüler:innen der Klasse betreffen, zu teilen. 

Abbildung 2 - vgl. "digitale-ethik.de"

Ich hatte im Frühjahr 2019 den "10 Geboten" (siehe Abbildung 2) - absichtlich kontrovers gehaltene - "14 Memes für das Leben onlife" entgegengesetzt. Selbstverständlich spielten diese Memes in einem Unterrichtsprojekt, in dem die Schüler:innen sich als Selbstgesetzgeber:in wahrnehmen sollen, keine Rolle. Allerdings hielt ich es genau so für selbstverständlich, dass Schüler:innen heute keine Gebote formulieren sondern Memes. Memes sind in der Gegenwart eine selbstverständliche Kommunikationsform der Schüler:innen und spiegeln mit der ihnen eigenen Referenzialität eine Form der Kultur der Digitalität (Felix Stalder). Die Abbildungen unten zeigen - wie ich finde - eine erstaunliche Reflexionsfähigkeit, die die zwölfjährigen Schüler:innen an den Tag legen. Ich halte also schon hier fest, dass die Frage aus der Überschrift eindeutig mit ja beantworten werden kann. Die reale intensive Praxis der Schüler:innen in der digitalen Sphäre bringt ein Reflexionsvermögen mit, das mit weiteren Impulsen im Unterricht zu einer erstaunlichen Reife im Umgang mit dem Digitalen führt. D.h. selbstverständlich nicht, dass jede(r) Schüler:in bei entsprechenden negativen Triggern nicht doch gegen selbstgesetzte Regeln verstoßen wird.

 

Es folgt eine Auswahl an Memes, ggf. mit Kurzkommentaren. Die Memes wurden mit dem Memegenerator von imgflip.com erstellt. Eine Vorgabe gab es: Kein Upload von eigenen Fotos oder gar der Mitschüler:innen. Dieser Schutz der eigenen Person und die Unverletzlichkeit der Persönlichkeitsrechte anderer wurde dann auch entsprechend thematisiert (siehe Abbildungen 8-11).

Abbildung 3 -"Kettenbrief". Dieses Meme ist aus meiner Sicht bemerkenswert, weil es auf die Gefahren aufmerksam macht, die auf das "Hacken" von persönlichen Daten auf dem persönlichsten aller Geräte: dem Smartphone, hinweist. Der Kettenbrief ist offenbar ein großes Thema. Die Sensibilität ich hoch, dass diese Sensibilität auch mit einer erstaunlich politischen Position einhergeht, stellt das Überraschungsmoment dar (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 5 - Dieses Meme korrespondiert mit dem ganz oben dargestellten. Hier wir jetzt nicht nur ex negativo gesagt, was gelten soll, sondern diese reife Gegenüberstellung sagt klipp und klar, was im Chat gewünscht ist und was nicht.

Abbildung 6 - Das Thema "ungeduldiges Verhalten im Chat und die Folgen" wurde ebenfalls mehrfach bearbeitet und mit der "Selbsterkenntnis" garniert.

Abbildung 7 - Das nächste "Thema": Vermeide Doppeldeutigkeiten und produziere keine Missverständnisse im Chat.

Es folgen jetzt eine Reihe an Memes, die das Persönlichkeitsrecht, das Recht am eigenen Bild thematisieren.

Abbildungen 8-11: Spiderman macht unerlaubte Fotos - großartig! Das Success-Kid-Meme mit der richtigen Vorgabe und dem schnellen Androhen die Gruppe verlassen zu müssen, das sollte noch einmal pädagogisch aufbereitet werden ;-).

 

Dass Spam und Mobbing Realität sind und dass der Umgang damit auch in der Art und Weise gelernt werden muss, Grenzüberschreitung zu erkennen und Erwachsene einzuschalten, das kommt gut in den folgenden Memes zum Ausdruck. Dass ggf. ein Admin aktiv Spam unterdrücken kann, das wurde im Unterrichtgespräch gemeinsam entwickelt. Spam ist wirklich ein großes Problem, das zeigen die vielen Beiträge, von denen hier nur ein Ausschnitt gezeigt wird (vgl. Abbildungen 12-16).

Abbildungen 12-16

Und zum Schluss ein Meme, das nicht irgendwie vorgegeben werden muss, sondern das die Schüler:innen so oder in anderer Form mehrfach thematisiert haben: Am Abend rechtzeitig Schluss machen. (vgl. Abbildung 17).

Abbildung 17. P.S. In einigen Memes sind dort hinterlegte Vornamen abgedeckt worden. Vielen Dank an die Klasse 6d, die so viel tolles Material produziert hat.